15.07 das Highlight des CDT

Glacier Nationalpark Elizabeth Lake
der letzte Tag beginnt mit Sonnenschein ☀️

Wie lange treibe ich mich denn eigentlich schon auf dem CDT herum? Gefühlt müsste es bereits eine Ewigkeit sein, oder bin ich nicht mehr in der Lage an Ort und Zeit zu denken? Sicherlich, brauchte ich doch meine Gehirnwindungen in den letzten Monaten eher zum Nachdenken, wo bekomme ich Essen, Trinken her, wo kann ich schlafen und wie kann ich gefährlich Passagen risikoarm überwinden, inclusive Grizzlybär Kontakt 🐻. Das waren meine existenziellen Herausforderungen. Selbst heute Morgen war es für mich immer noch nicht greifbar, dass das Abenteuer endet. Der schnell zur Routine gewordene Tagesablauf übernahm die Handlungshoheit über mein „Ich, so dass meine Sinne sich voll auf die Natur und Tierwelt konzentrieren konnten. Und das was ich alles erlebte, ist kurios und unglaublich spannend gewesen. Schön das ich (fast) alles mit euch teilen durfte und ich hoffe auch, dass ich es für euch irgendwie erlebbar machte. Auf keinen Fall möchte ich euch ermuntern diesen Trail durch die Wildnis selbst zu erkunden. Er verzeiht nur kleine Fehler, die großen könnten sogar tödlich enden.

„William Standish, 28, was attempting a thru-hike of the Continental Divide Trail (CDT), heading southbound from Canada, when he is believed to have fallen, the Teton County Coroner’s Office confirmed.“

Und es gab einige Situationen, die ich etwas falsch einschätzte, obwohl ich mittlerweile circa 20.000 km durch die Gegend gelascht bin. Jeder Trail hat seine eigenen Grenzen und ich bin bei weitem kein Profi. Eingebildet und gläubig bin ich zwar nicht, aber ich glaube fest daran, dass mich meine Begleiter, Mauli, Bärli, Koala und diverse Glücksbringer

über die gesamte Zeit vor Unheil beschützt haben. Ich habe das Marshall erzählt und heute bat er mich darum, ihm einen Glücksbringer zu schenken, damit er auch sicher die mexikanischen Grenze erreicht. Er hatte ja öfters betont, dass er meine Anwesenheit, meine Philosophie über Longtrails und als Mensch sehr schätzte (das gab ich gerne zurück). Eine schwere Entscheidung für mich, aber ich spürte, dass er viel Wert darauf legte von mir einen Glücksbringer zu bekommen.

es wird ihn hoffentlich auch beschützen 🐻

Also schenkte ich ihm ein Herz aus Holz ( passend zu Truewood) mit der Aufschrift „Du schaffst das“.

Bitte nicht verwechseln mit „Wir schaffen das“ 😲, denn die Frage ist, wer ist damit gemeint?

„Du“, ist doch bestimmend und auf die eine Person bezogen der man das 💯 % wünscht. Auch mit meiner Spendenaktion zu Gunsten der an Demenz erkrankten Kinder bin ich mehr als dankbar und glücklich. Das hat meinem Abenteuer noch einen zusätzlichen Sinn gegeben. Eure vielen motivierenden Kommentare waren für mich Balsam für mein Handeln und die richtige Medizin für all die Anstrengungen und Qualen, welche ich fast täglich über mich ( gerne) ergehen ließ 😊. Wenn heute nicht gerade ein Grizzlybär Appetit auf altes schrumpeliges Fleisch hat, werden ich meine zwei Missionen erfolgreich beenden. 08:00 verließ ich in voller Demut den Campground.

danke, dass ich das erleben durfte

Marshall und ich visierten nun die kanadischen Grenze an. Für mich das ersehnte Ende und für ihn der eigentliche Start des CDT.

mein letzter Fußabdruck ( Zelt) auf dem CDT👍

Mein Weg führte mich durch die Wüste von New Mexiko, über schneebedeckte Berge in Colorado, durch das trockene Wyoming mit seinem Yellowstones Nationalpark, der erste Nationalpark der Welt, und schließlich durch das wunderschöne Idaho und Montana mit dem schönsten Nationalpark der USA, den Glacier Nationalpark. Ich habe geschwitzt, gefroren, tagelang nasse Schuhe und Klamotten getragen, mehrfach Sonnenbrand eingefangen, Magenverstimmung und nur eine riesige Blase am Fuß erwischt, tagelang aber Zahnschmerzen, über viele umgestürzte Bäume musst klettern, durch eiskaltes Wasser gewatschelt, mit Kojoten, Büffeln und Grizzlybären ein Stelldichein gehabt, schneebedeckte Abhänge überwunden und richtig viele freundliche Menschen getroffen, die mir auf dem gesamten Trail uneigennützig halfen. Nur die hohen und schneereichen Berge von Colorado haben mich psychisch und physisch an meine Belastungsgrenze getrieben. Mental war ich nicht bereit mich so zu schinden und meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Anders sah es in Idaho und vor allem in Montana aus. Hier blühte ich regelrecht auf. Das Profil und die Landschaft passten einfach zu meiner Lust täglich ca. 45-50 km zu laufen und dabei auch noch Freude zu verspüren. Grandios war auch das Durchhaltevermögen meines linken Fuß.- und Kniegelenkes. Es gab keinen Tag, wo ich wegen dieser Sensibilchen abbrechen musste 💪. Überhaupt, ich hatte nie daran gezweifelt den CDT nicht zu meistern. In keiner Phase kam mir der Gedanke das Abenteuer abzubrechen. Auf dem PCT, AT ( Appalaichen Trail) und dem TA ( Te Araroa Trail , Neuseeland ) überfiel mich schon mal dieser Gedanke. Jetzt geht’s weiter zum letzten Tag 😊. Das heutige Frühstück war sehr bescheiden, warum sollte ich mich auch mit unnötigen Dingen abschleppen. Noch einige abschließende Blicke auf die krasse Bergwelt und los ging es erwartungsvoll.

bin ich jetzt traurig ?
alles hat auch sein Ende

Der Start.- und Endtag glichen sich sehr. Beide waren flach, die Sonne schien als Begrüßung und jetzt zur Verabschiedung, der Wind blies eine frische Brise um meinen Kopf, erwartungsvoll sah ich wieder einer Grenze entgegen, nur im punkto Natur gab es einen gravierenden Unterschied. Heute wucherten die Bäume und Pflanzen regelrecht und ließen alles üppig grün erscheinen. Das Lebenselixier „Wasser“ machte den Unterschied.

Wasser in Überfluss

Eigentlich hatten wir bis zur Grenze den ganzen Tag Zeit, aber schwubs die wubs verfielen wir in unseren Laufrhythmus.

Marshall war wie gewohnt die Vorhut und pfiff vorsichtshalber an jeder Biegung um die Bären abzuschrecken, oder war er einfach nur fröhlich?🤔. Nun passierten wir den letzten Zeltplatz auf diesem langen Weg und trafen auf eine Reiterschaft. Die Unterhaltung wurde immer lustiger, mit einer Dame ( Schweizerin) konnte ich mich deutsch unterhalten und fragte höflich, ob sie uns bis zur Grenze zwei Pferde zur Verfügung stellen könnten. Sie lehnte leider mein tolles Angebot ab😏.

Lust hätte ich schon gehabt

Der Weg führte uns weiter über saftige Wiesen und Wälder, vorbei an einigen kleinen Seen und wir ertrugen es mit Würde ☀️.

Idyllisch, aber für eine Pause keine Zeit

Nur noch fünf Kilometer und ich musste nochmals dringend anhalten. In der Regel lief ich dann in wenige Minuten wieder auf Marshall auf. Aber jetzt war mir es vergönnt. Ich dachte, noch eine Biegung und dann werde ich ihn sehen und noch eine und noch eine☹️. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Ich erhöhte meine Tempo, sprintete förmlich die kleinen Hügel empor, auch das half nichts. Wo war der Kerl nur geblieben? Ich war der Meinung, er sei weiterhin vor mir, so dass ich auch nicht die entgegenkommenden Hiker fragte.

in den Säcken sind aufblasbare Kanus fürs RAFTING

Ich kam so sehr ins Schwitzen, dass meine Klamotten inzwischen pitschnass waren. Noch 500 Meter bis zur Grenze und sicherlich wartet er dort auf mich. Ich suchte den Parkplatz und die nähere Umgebung ab, aber Marshall blieb unauffindbar. Ich überschritt die amerikanische Grenzkontrolle, machte einige Fotos vom Monument des CDT

Glacier Nationalpark von der kanadischen Seite
es ist geschafft, die kanadische Grenze
ein kurze Zusammenfassung

und begab mich so gleich in die Obhut der kanadischen Grenzbehörde. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Nachdem ich mittlerweile eine Stunde auf Marshall gewartet hatte, erschien er an der amerikanischen Grenze. Obwohl ich mich mit Händen und Füßen bemerkbar machte, erblickte er mich leider nicht ( die Grenzstationen lagen 200 Meter entfernt). Vielleicht wartet er ja am Parkplatz auf mich ? Natürlich wollten wir uns an der Grenze richtig verabschieden, deshalb lief ich zurück und musste praktisch wieder in die USA einreisen😲. Aber weite und breit kein Marshall zu sehen.

es war eine fabelhaft verrückte Zeit

Mit gesenktem Kopf lief ich wieder zur kanadischen Grenze, schulterte meinen Rucksack und lief traurig in Richtung Calgary, es waren ja nur noch 258 km😊. Von Calgary wollte ich dann weiter nach Montreal fliegen um mich dort mit Denise zu treffen. Alle Autos, welche die Grenze passierten, waren nicht bereit einen alten erschöpften Hiker mitzunehmen ☹️. Aber ich bin ja ein Sonntagskind 💫. Ein Ehepaar wollte unbedingt die Aussicht auf die Berge des Glacier Nationalpark genießen und hielten zum Picknick in meiner Nähe. Ich habe sie einfach angesprochen, ob sie mich mitnehmen könnten. So kam ich in den Genus von Kaffee und Kuchen und als Belohnung nahmen sie mich 15 km bis zur nächsten Kreuzung mit. Dort stand ich nur 20 Minuten in der Sonne, mein Wasser war knapp, als ein älteres Paar ( 76 Jahre) anhielt und mich erst in Cardston heraus ließen. Die Zwei waren Großbauern und hatten 2000 Kühe 👍. Nun nahm ich mir Zeit um Mc Donald einen Besuch abzustatten, es musste unbedingt Eis, Kaffee und Chicken Wings sein😊. Mit vollem Bauch wagte ich den nächsten Hitsch. Die zwei Typen waren sehr gut drauf und boten mir gleichfalls dieses Zeug zum Rauchen an, konnten mich aber nur 6 km mitnehmen. Nun wartete ich im St. Mary Reservat auf das nächste Auto. Ein junger Mann hielt zwar sehr spät an, nahm mich aber bis Fort Macleod mit. Dieses Mal stieg ich sehr vorsichtig ein🤔. Es war ca. 16:00 Uhr und bis Calgary noch 150 km. Ich beschloss hier ein Zimmer zu nehmen und mich vom heutigen letzten Tag auf dem Trail mit einem Bier zu verabschieden.

ich trinke auf den CDT

Duschen, fürstlich Essen und überflüssige Sachen entsorgen standen nun auf dem Programm. Jetzt musste ich alle Anspannungen der letzten Wochen und Tage herunterfahren. Es ist wirklich vorbei 🤔, aber glauben kann ich es trotzdem noch nicht. Das Triple ist geschafft. Die ALDAH- West ( Organisation über alle drei Longtrails) hat seit 1994 ca. 850 Triple Crown Hiker registriert.

Klein Udo hätte damals nie gedacht, eines Tages ein Triple Hiker zu sein.

wie sich die Zeiten ändern 🐻

Bleibt mir gesund und denkt daran, kein Weg ist zu weit um ihn zu bezwingen, aber er wird sehr steinig sein ☀️.

Ich wünsche euch Allen, insbesondere den Kindern welche mich über die gesamte Zeit so tief berührten viel Freude, Gesundheit und unfassbare Kraft für die Zukunft.

Euer Truewood 🐻

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