Guten Morgen ihr Faultiere zu Hause 🐻, habt ihr genauso bescheuert geschlafen wie wir? Na ja, ich habe mir die ganze Nacht Gedanken gemacht, wie ich mit B&M den Trail erfolgreich beenden kann. Als Reaktion bekam ich nur ein intensives Schnarchen von Mathias zurück. Bis jetzt bescherte uns der Trail keine größere Handicaps, ausser das ein Zelt verloren ging und Mathias Wanderschuhe den Geist aufgegeben hatten und die neuen Schuhe ihm Schwierigkeiten bereiteten. Man kann den GR 20 auch in Sneaker 👟 laufen, stimmst Mathias 👍. Hoffentlich geht das gut. Der heutige Trip wird uns durch die Mitte Korsikas, bis zur kleinen Gemeinde Vizzavona führen. Hier gibt es ein Restaurant, ein Hotel, Zeltplatz, eine Schmalspurbahn, welche die Städte Ajaccio und Bastia verbindet. Dabei fährt die Bahn knapp 4 Kilometer durch einen Tunnel welcher 1880 in 9 Jahre, eigentlich per Handarbeit geschlagen wurde. Das Wetter ähnelte dem von gestern und schien sich nicht ändern zu wollen. Unser Frühstück fiel etwas üppiger und zeitlich länger aus als die letzten Tage. Ich drängte B&M zum Aufbruch, denn die heutigen 27 Kilometer oder mehr wären notwendig, um doch noch Conca zu erreichen.

7:00 Uhr lies ich die zwei Wilden von der Leine los und schon schnüffelten Beiden nach dem richtigen Weg 😊. Irgendwas stimmt mit denen nicht? So engagiert und tatkräftig waren sie ja bis dato noch gar nicht in Erscheinung getreten. Wussten B&M nicht, dass es erst mal 600 Höhenmeter bis zur Crete de Muratello( 2064m) steil nach oben geht ☹️ und einige Felsblöcke wieder überwunden werden mussten! Ich lies sie einfach ihre Erfahrung machen, was zählt denn schon die Aussagen eines alten weißhaarigen Mannes, der erst Anfang des Jahres den TA auf Neuseeland gewandert war 💪. Vielleicht war auch meine gestrige Aussage so verfänglich, das sich der heutige Aufstieg lohnt, da wir von da oben grandiose Blicke über die Felslandschaft erhaschen und beim langen steilen Abstieg ins Agnone Tal in die eine oder andere Gumpe abtauchen könnten. Sollten sie doch ihre Hörner abstoßen😊.


Bevor wir den versprochenen Ausblick über die Berge Korsikas konsumieren durften, schraubte sich der Weg kurz und unbarmherzig in den Himmel. Wenn jetzt noch strahlend blauer Himmel wäre, würden unsere Empfindungen und Sinne vermutlich in eine andere Dimension katapultiert sein. War es aber nicht ☹️. So nahmen wir die eigentlich zum Greifen nahe liegenden Gipfel des Monte d‘ Oro und San Petrone als gegeben hin. Auf der Bocca Muratello (2120 m) verschnauften wir nur kurz und freuten uns auf den nun nur noch absteigenden Weg ( zu früh ? )

Die Trailverantwortlichen verzichteten hier bewusst fast gänzlich auf das Instandsetzen der Wege und beliessen lieber diese in ihrer eigenen Form. So bestritten wir unter dem Ächzen unserer Knie die steilen felsigen Abschnitte sichtbar in kurzen Sprüngen oder lieber schräg und serpentienenhähnlich. Charakteristisch für dieses Gebiet war, dass über den eigentlichen griffigen Felsen viele kleine gelöste Kieselsteine lagen, die keinen echten Kontakt zum Untergrund zuließen. Bei geringer Konzentration saß man schnell mal sehr schmerzhaft auf dem PO, oder schürfte sich die Haut von den Händen. Sprachlos ist man, wenn hier Wanderer mit Sneaker, der Marke ‚Mathias’ 👍unterwegs sind☹️. Weiter unten waren die Felsen durch den noch vor kurzem hier tätigen Gletscher ( der Klimawandel vor 1,5 Mill. Jahren hat ihm sichtlich zugesetzt) so glatt geschliffen, dass es bei Trockenheit ein schnelles Vorankommen ermöglichte, aber bei Nässe mehr einer Rutschpartie glich.

Irgendwann wurde der Pfad wieder besser. Man lief durch Erlengebüsch und etwas tiefer durch wohlriechenden Buchenwald.

Ab nun konnte ich B&M wieder ihrem eigenen Schicksal überlassen. An der Pont de Tortetto (1140 m) gingen wir unsere eigenen Wege, mit der Sicherheit, dass wir uns Stunden später in Vizzavona bei einem kühlen Bier und korsischen Schinken wieder vereinigen durften. Ein Sprung von der Brücke ins blaue Loch trauten wir uns nicht, da uns die Wasseroberfläche die Sicht in die Tiefe der Gumpe verschwimmen ließ. Bekanntlich läuft es sich nicht so gut mit einem Loch im Kopf 😊.

Badewetter war es heute wahrlich nicht. Am herabstürzenden Bergbach, reihten sich in loser Folge, in ihrer Form und Größe verschiedenste Gumpen auf, welche vergebens auf Badegäste warteten. Bis auf eine. Am Rande der Gumpe saßen wunderschöne Bergfeen, die eine wässrig berauschende Zeremonie veranstalteten und so jeden vorbei kommenden Hiker in ihren Bann zogen. Auch ich konnte mich nicht wehren, riss meine gesamten Klamotten herunter und sprang in meiner natürlichsten Erscheinung in die Gumpe und wähnte mich im Kreise der Feen 🧚. Beim Auftauchen spürte ich, das Wasser war Arschkalt, die Feen waren plötzlich verschwunden, ich war ganz allein. Wenn der Sauerstoff fehlt kann es passieren, man sieht eine Fatamorgana. Ich wischte mir das Wasser aus den Augen 👀 und erblickte am Rande zwei seltsame Gestalten, keine Feen, mehr Rumpelstilzchen ähnelt. Nochmals wischte ich meine Äuglein aus und erkannte ernüchternd, es war B&M☹️. Im Angesicht der Beiden wurde ich brutal in die Realität zurückgeworfen.

Trotzdem glich die Aktion wie ein Bad im Jungbrunnen. So zog ich relativ schnell an den vor sich hinschleichenden Bert und Mathias vorbei und genoss im großen Stiel die einzigartige Natur. Alle drei Komponenten ( Wasser, Fels und Bäume) konstruierten eine „wonderful area“.

Der Bach gab die Richtung nach Vizzavona vor und bestimmte auch das Profil nach unten. Da waren wir uns Drei einig, den Weg umgekehrt hätten wir nicht laufen wollen, da er vor Anstrengung nicht zu überbieten war. Am Ende des alpinen Abstiegs, direkt an einer Brücke befand sich für die Tagestouristen ein kleiner Kiosk und die Gelegenheit für mich eine Cola zu trinken. Die Jungs müssen ja gleich kommen. Langsam wurde mir kalt und das Warten hatte ein Ende. 45 min später traf ich in Vizzavona ein, lief gleich zu dem Restaurant, in welchem ich 2019 tollen Käse und Schinken kaufte und hoffte auf ein schnelles Ankommen der zwei Wilden 😊. Nach und nach stellten wir die vollzählige Anwesenheit fest und entschieden uns für ein fürstliches Mahl, bestehend aus Käse, Schinken, Tomaten, Milch, Kaffee und Baguette. Unser junge dänischer Freund, welcher uns schon einige Tage begleitete wurde herzlichst eingeladen.


Gesättigt diskutierten wir über den weiteren Verlauf. Es war bereits 13:00 Uhr und der nächste Abschnitt bis zur Refuge de Capannelle betrüge 16 km, mit dem Vorteil, daß wir nicht mehr so viele Höhenmeter bewältigen mussten. Es ging lange hin und her, es gab ein für und wieder. Wir werden den gesamten Trail definitiv nicht schaffen. Wenn wir weiter gehen würden, wäre eine späterer Ausstieg zwar möglich, aber wir könnten auf Grund der Verkehrslage keine schnelle Rückkehr zum Flughafen garantieren. Und nur bis zur Refuge und morgen zurück nach Vizzavona bringt auch keine Punkte. Für mich stellte sich nicht unbedingt die Frage ob oder nicht, hatte ja 2019 den gesamten Trail abgelaufen und bin 2025, dann mit Alina das dritte Mal auf dem Trail. Mir war es wichtig, dass B&M mit dem vorzeitigen Abbruch kein Problem hatten. Sie waren der Meinung, dass es bis dato ein unvergesslich, emotionales und beeindruckendes Erlebnis war. Lieber sollten wir den Tag hier auf dem Zeltplatz ausklingen lassen und morgen eine abenteuerliche Reise mit der Schmalspurbahn bis nach Bastia unternehmen. Der Zeltplatz war um diese Zeit kaum belegt und die Duschen frei. Mathias stellte sein Zelt auf, Bert huschte in ein Mietzelt und ich zog es vor unter freiem Himmel zu schlafen. Zum Abendessen verschlug es uns wieder ins nahegelegene Restaurant und wir ließen den tollen Tag in Ruhe ausklingen.

Der Tag hat uns trotzdem 3600 kcal gekostet. Gute Nacht 🐰🦊🐻
